Visuell: Blog-Archiv August 2007

Das photographische Gedächtnis

Das GOOD Magazine behandelt in seiner Rubrik „Transparency“ (A graphical exploration of the data that surrounds us) die visuelle Erklärung eines Sachverhalts.

In seiner sechsten Ausgabe (Sept/Okt 07, siehe nebenstehenden Ausriss) wird erläutert, wie das Längenmaß Meter definiert ist und wie sich diese Definition über die Zeit hinweg verändert hat. Das ist zunächst nicht ganz so spektakulär und gehört vermutlich in groben Zügen zum Allgemeinwissen. Gerade deshalb stellt sich leicht die Frage, ob in diesem Falle die Comic-hafte Darstellung den Leser für dümmer verkauft als er ist.

Der Einfachheit halber vergleichen wir – nach Lektüre der obigen visuellen Erklärung – diese mit einer textlichen Ausführung. Nachfolgend ein Auszug aus dem Artikel „Meter“ der deutschsprachigen Wikipedia:

Aktuelle Definition: Der Meter ist definiert als die Strecke, die das Licht im Vakuum in einer Zeit von 1 / 299.792.458 Sekunden zurücklegt. Statt ein Meter-Eichmaß aufzubewahren, beruht die Definition des Meters damit auf einer Zeitmessung. Dies erfolgte, weil die Definition der Sekunde (Maßeinheit der Zeit) als atomares Zeitnormal gelang und somit beide Maßeinheiten unabhängig von Eichmaßen bestimmt werden können. ...

Frühere Meter-Definitionen: ... 1889 wurde vom inzwischen gegründeten BIPM ein neuer Standard eingeführt. Dazu wurde der internationale Meterprototyp angefertigt, ein Stab mit kreuzförmigem Querschnitt aus einer Platin-Iridium-Legierung im Verhältnis 90:10, und ein Meter wurde festgelegt als der Abstand der Mittelstriche zweier Strichgruppen bei einer Temperatur von 0° C. Damit richtete sich das Meter nicht mehr nach der Vermessung der Erde, sondern entsprach der Länge eines konkreten Gegenstands. Kopien dieses Meterprototyps wurden an die Eichinstitute in vielen Ländern vergeben. ...

Interessanterweise ist der Wikipedia Artikel mit der photographischen Abbildung eines Meterprototyps aus Platin-Iridium bebildert. Der sieht zwar ganz schick aus, aber weder kann man die Legierung aus dem Bild entnehmen noch ergeben sich Hinweise auf die weiteren Umstände, denen dieses Metermaß genügen muß. Eigentlich kann man nur den Querschnitt des Materials erkennen.

Natürlich ist der Wikipedia Artikel wesentlich detaillierter, aber weder ist er für die schnelle Lektüre geeignet, noch kann man sich die Informationsmenge besonders gut merken. Wieder einmal kann man sehr schön die jeweiligen Stärken herausarbeiten, die sich eben nicht gegenseitig ausschließen:

Die Visualisierung ist zur schnellen Informationserfassung geeignet, sie prägt sich vielen Menschen leichter und längerfristig ein, kann aber zwangsläufig nicht gleichzeitig die selbe Informationsdichte haben wie ein ausführlicher Text. Allerdings - und deshalb scheiden sich an Informationsgraphiken auch die Geister - hat nicht jeder ein photographisches Gedächtnis. Letzeres scheint mir aber nicht eine zufällige Disposition zu sein, sondern hat nach meiner Erfahrung etwas mit gelernten Sehgewohnheiten zu tun. Meist sind es jüngere Menschen, die der Bildsprache den Vorzug geben.

In der Wissenschaft scheint es umstritten zu sein, ob es soetwas wie das photographische Gedächtnis überhaupt gibt. Der Scientific American schreibt:

You might expect that an individual who claims to still see a picture after it has been removed would be able to have a perfect memory of the original picture. After all, a perfect memory is what is usually implied by the commonly used phrase "photographic memory." As it turns out, however, the accuracy of many eidetic images is far from perfect. In fact, besides often being sketchy on some details, it is not unusual for eidetikers to alter visual details and even to invent some that were never in the original. This suggests that eidetic images are certainly not photographic in nature but instead are reconstructed from memory and can be influenced like other memories (both visual and nonvisual) by cognitive biases and expectations.

The vast majority of the people who have been identified as possessing eidetic imagery are children. The prevalence estimates of the ability among preadolescents range from about 2 percent to 10 percent. And it is an equal-opportunity phenomenon - there's no gender difference in who is likely to be an eidetiker. Although it is certainly controversial, some researchers also believe that eidetic imagery occurs more frequently in certain populations of the mentally retarded (specifically, in individuals whose retardation most likely stems from biological, rather than environmental, causes) and also among geriatric populations. With a few notable exceptions, however, most research has shown that virtually no adults seem to possess the ability to form eidetic images.

Das klingt ja dann oberflächlich betrachtet doch fast nach der These Comics = Verdummung. Vielleicht muß man die Vorzüge von Visualisierung doch etwas anders erklären und die Kritiker ernster nehmen. Bleibt also noch einiges zu erforschen.

Labels: de, neuroscience, physics, psychology, visual explanations

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